Agenturmeldung Evangelischer Pressedienst Deutschland zum Pressegespräch Leonberg

Leonberg (epd). Im Kampf gegen laute Kindergartengruppen fühlen sich viele Erzieherinnen machtlos. Nun haben kirchliche Einrichtungen in Württemberg mit moderner Technik und wissenschaftlicher Begleitung einen neuen Weg beschritten. Eine am Donnerstag in Leonberg vorgestellte Studie ergab, dass die akustische Verbesserung von Räumen in Kindergärten mit neuartigen Beschallungssystemen den Lärmpegel senkt und dadurch die sprachlichen Fähigkeiten bei Vorschulkindern erheblich stärkt.

Gerade bei Kindern mit schlechtem Wortschatz oder unzureichender Artikulation seien «sichtbare und messbare Fortschritte erzielt worden», sagte Marion Hermann-Röttgen, Professorin für Gesundheitswissenschaft an der IB-Hochschule Berlin. «Schwache Kinder werden dadurch gestärkt», betonte die Lehrlogopädin.

Partner des Forschungsprojekts war die Fellbacher Firma Phonak, die nach eigenen Angaben der weltweit führende Hersteller moderner Hör- und Funksysteme ist. Mithilfe eines Beschallungsgeräts, das einem senkrecht nach oben gerichteten Teleskop gleicht und aus zwölf kleinen Lautsprechern besteht, sei in zwei evangelischen Kindergärten in Leonberg «eine signifikante akustische Verbesserung erreicht worden», hieß es.

Die Folge: Bei den Kindern im Alter zwischen drei und fünf Jahren seien nach fünfmonatigem Einsatz des Geräts Verbesserungen bei der Hör-Wahrnehmung, beim Wortschatz, der Artikulation, Grammatik, Konzentration und Kommunikation festgestellt worden. Dies habe die Auswertung von Sprachtests in zwei Vergleichsgruppen mit jeweils 20 Kindern ergeben. Die Ergebnisse seien «verblüffend», sagte Hermann-Röttgen, die einräumte, zuvor skeptisch gewesen zu sein.

Bei dem System spricht der Erzieher in ein Ansteckmikrofon, das über Funk mit der Anlage verbunden ist. Wie eine Demonstration zeigte, bewirkt die Technik, das die Schallwellen des Sprechers in alle Richtungen gleichmäßig verteilt werden und somit der Abstand zu den Zuhörern letztlich irrelevant wird. Damit sei nicht nur der Spracherwerb der Kinder verbessert, sondern - als Nebeneffekt - auch die stimmliche Belastung von Erziehern reduziert worden. Sie mussten nicht mehr «laut werden». Ein weiteres Ergebnis der Untersuchung: Die mit Technik-Unterstützung beschallten Kindergartengruppen wurde im Laufe der Zeit ruhiger. Der Lärmpegel sei um zehn Dezibel gesunken, hieß es.

Pfarrerin Claudia Trauthig vom Kirchenbezirk Leonberg sagte, gerade evangelische Kindergärten seien offen für das Projekt gewesen. Denn aus Sicht der Kirchen sei Kommunikationsfähigkeit «eine Schlüsselfunktion zur Erschließung der Wirklichkeit». Nun werde überlegt, wenigstens eines der
3.000 Euro teuren Beschallungsgeräte dauerhaft anzuschaffen.

Gesundheitswissenschaftlerin Hermann-Röttgen sagte, in unserer modernen, lauten Gesellschaft nähmen Hör- und Sprachstörungen zu. Zudem rügte dieLogopädin: «Wir leben in einer Gesellschaft, in der man nicht mehr zuhört.» Es gebe immer mehr Kinder, die eine Sprachtherapie nötig hätten. Die Sprachfähigkeit zu verbessern, sei gerade im Vorschulalter wichtig: «Denn wenn ein Kind sich nicht verständigen kann, wird es aggressiv.»